Sparen mit Selbstbewusstsein


Kapitel 10 aus
«Sparer leben gefährlich»
Ein nicht nur humoristisches Sachbuch – 6. Auflage, ergänzt mit den aktuellen Sparkatastrophen des 21. Jahrhunderts

(Erste und letzte Abschnitte)

Meistersparer mit langjähriger Erfahrung, die von der rein materiellen Reduktion ihres zum Überleben nötigen Aufwandes nicht mehr befriedigt sind, suchen und finden auch abstraktere Möglichkeiten, ihren Anspruch auf das irdische Dasein zu mindern. Diese noch wenig erforschte Spardomäne soll hier nur kurz gestreift werden, denn eine umfassende Darstellung könnte sehr wohl mehrere hauptamtliche Psychologen beschäftigen. Ob nun mit Selbstbewusstsein oder mit daraus folgender Initiative gespart wird – die ganz Schlauen sind selten dabei und kommen eigenartigerweise dennoch weiter. Bei den andern heisst es höchstens, dass sie «falsche Bescheidenheit» an den Tag gelegt hätten, doch eher im Sinne einer Zier, um die Dummköpfe auf keinen Fall zu entmutigen. Ein typisches Beispiel dieser Art, wenn auch ein harmloses, lernen Sie bei Einladungen zum Geschäftslunch kennen, vor allem, wenn die Grosszügigkeit auf Kosten einer anonymen Firma und nicht die des Patrons selber geht.

Bescheiden, wie wir nun einmal sind, bestellen wir etwas in der Preislage des Tagesmenus, «plat du jour» oder wie immer der Minimalstandard in den verschieden besternten gastronomischen Himmeln heissen mag. Der Gastgeber kennt sich hier aus, deshalb lässt er uns so besonders gerne zuerst wählen. Läuft die Show planmässig in seinem Sinne, dann sieht er sich einmal mehr bei seinem Filet mignon bestätigt, auf das er sich schon den ganzen Morgen gefreut hat.

Wie hätte er sich einen perfekteren Ausgang der Mittagspause wünschen können? Dem Gast gegenüber hat er den Beweis eindeutig erbracht, dass für ihn nichts zu teuer gewesen wäre, seiner Firma wird die sorgfältig zusammengefaltete und wie Bargeld gehütete Rechnung nur beweisen, wie sparsam der Mitarbeiter mit den Spesenfreibeträgen umgeht und wie unverschämt der Kunde doch war, bei der Einladung gleich das teuerste zu bestellen. Der zur Auswahl stehende gegenteilige Vorwurf trifft den Bescheidenen aber ebenfalls: Beleidigung darüber, dass der Gast es wagte, die finanzielle Potenz des Einladenden dermassen zu unterschätzen!

Wie auch immer – der Grosszügige kam wieder einmal günstig zu erstklassigem Kalbfleisch. Bei optimaler Ernährung arbeitet bekanntlich auch das Gehirn so gut, wie es dessen Hardware eben zulässt, und der Raffinierte wird den Dreh sicher permanent in seinen Molekülspeicher inkarnieren. Anderseits ist die Liste der Vorteile des Sparers, dem die Kutteln oder die Bernerplatte noch bis am Abend aufliegen, ganz eindeutig kürzer.

(…)

Wer verkaufen will, sollte nicht möglichst teuer, sondern möglich wirksam inserieren. Bei Veranstaltungen einmaliger Art eröffnet sich jedoch ein grosses Sparpotenzial, denn im Falle eines Misserfolges kann man nicht hoffen, bei nächster Gelegenheit erneut vom früheren Werbeeinsatz zu profitieren! Was aber, wenn das Publikum nicht erscheint und ein Defizit entsteht? Also Vorsicht: der Solist oder das Orchester kostet schliesslich selbst bei leerem Saal noch genug…

Es ist oft unfassbar, wie kontraproduktiv solches Sparen mit gänzlich unterlassener Werbung (statt nicht unterlassenem Anlass) sein kann. Ein Beispiel zur Erläuterung? Vielleicht, weil die Zuständigkeiten innerhalb der einladenden Organisationen nicht klar geregelt waren, erscheine peinlicherweise einmal kein Inserat. Wenn dann in einem solchen Fall trotz erstklassigem Programm niemand ausser den Organisatoren im Saal sitzt, dann ist dieses Malheur zugleich der perfekte Kontrastversuch zum Nachweis der Aussage, dass Werbung wirksam gewesen wäre: überall in anderen Städten war die Veranstaltung schliesslich ein Erfolg gewesen!

Die Spartugend ist aber nicht nur bei ihrer Anwendung nach aussen, sondern auch nach innen erstaunlich kontraproduktiv: Es sparen manchmal Leute mit Glücksgefühlen, die sich sonst beileibe nicht als Puritaner bezeichnen würden. Sie wollen ganz einfach nicht enttäuscht werden, sich nicht zu früh freuen! Der Weg zu dieser garantierten Enttäuschungslosigkeit ist aber mit ungeahnten Widerhaken geködert, wie uns das Buch «Rezepte zum Unglücklichsein» von Watzlavik hinreichend deutlich aufgezeigt hatte. Eine ganze Unterklasse von solchen Rezepten hat ihren Ursprung in der beschriebenen Haltung, wenn es einem auch leicht entgehen mag, dass das Sparen mit Glück und Lebensfreude ebenfalls dazugehört.

Selten allerdings erreicht jemand konsequent die letzte Phase bei der systematischen Reduktion aller Äusserungen des Selbstbewusstseins. Der konsequenteste aller Sparer findet sich auf dieser Welt nämlich so überflüssig und einsparbar, dass er sofort eine mehrwöchige Entschlackungskur macht, sich mit einer bleifreien Kugel erschiesst, hernach in einem Sonnenofen kremieren lässt und seine Asche einer Biogärtnerei stiftet.

«Man muss sehr eingebildet sein,
wenn man glaubt, sich Bescheidenheit
immer und überall leisten
zu können.

«Je mehr wir mit der Herzlichkeit
sparen, desto ärmer werden wir.»

Volksmund


Das Buch kann hier beim Autor bestellt werden.

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