Von Grazia Annen, erstmals publiziert am 14.07.2007

Neulich beim Doktor: “Wie tut es Ihnen denn weh, versuchen Sie, mir den Schmerz zu beschreiben”. Als die Wirkung der Tabletten allmählich nachliess, dämmerte in mir eine beunruhigende Erkenntnis: wie oft legen wir doch unser Schicksal in Hände derer, die eigentlich keine Ahnung haben. Natürlich muss ein Mediziner nicht selber krank sein, um jemanden behandeln zu können. Doch wäre es vielleicht hilfreich, wenn er wüsste, wie sich “hämmernde”, “bohrende” oder “dumpfe” Schmerzen anfühlen. Worte nutzen nur, wenn der andere aus eigener Erfahrung weiss, worüber man spricht. Ich stelle fest, dass wir immer mehr Verantwortung und Entscheidungen an Menschen abgeben, die wenig bis nicht dafür qualifiziert sind. Spezialisten, pädagogisch oder sonstwie geschultes Personal, Berater aller Couleur offerieren uns Absolution. Denn nichts ist unerträglicher als das Wissen, durch eigene Entscheidung das Falsche gewählt zu haben und mit den manchmal unumkehrbaren Folgen leben zu müssen.

Kürzlich zeigte das Fernsehen eine beeindruckende Homestory über den Altbundeskanzler Helmut Schmidt. Der Satz, der sich mir am tiefsten eingeprägt hat: “Heute entscheiden Leute über Frieden und Krieg, die dessen Schrecken nie erlebt haben”, und beim Weggehen murmelte er: “Es wird ein schlimmes Jahrhundert werden”. Er selber habe in seiner Rolle als Staatsmann stets einer Instanz Gehör geschenkt: seinem Gewissen.

Verstand und Gewissenhaftigkeit, die wünschte ich mir von vielen, vom Journalisten, der den Klimawandel bei jedem saisonalen Unwetter bemüht, über den Politiker, der mahnt: “Die Bildungskosten müssen gesenkt werden, das ist auch im Sinne der breiten Bevölkerung”, während seine Sprösslinge im Nobelinternat auf Künftiges vorbereitet werden. Lehrer die raten, sich an den Schulpsychologen zu wenden, weil der Junior ungläubig und lautstark seinen Unmut bekundet, wenn die Katechetin mit Apokalypse und gerechtem Gottvater im Himmel droht. Bei Disziplinlosigkeit im Unterricht reichte früher ein Brieflein nach Hause und Papa sprach ein – meist wirkungsvolles – Machtwort. Jetzt werden “Abklärungen” verlangt.

“Experentia docet” wussten schon die Römer, Erfahrung lehrt. Doch wie sollen wir je lernen und an Fehlern wachsen, wenn wir uns nicht mehr trauen, selber welche zu machen?


Bild: Richard Feynman (Mitte) und Robert Oppenheimer (rechts von Feynman) in Los Alamos während des Manhattan-Projekts

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