Nachahmung ist Selbstmord – eine kurze Geschichte

Von Tim (myMonk.de)

Da draußen gibt es Leute – ein paar von ihnen oder eine ganze Menge – die genau das haben, was wir uns am meisten wünschen. Dünne Bäuche, dicke Konten, große Liebe, kleine Sorgen. Wenn wir einfach nur genau das tun, was sie tun, bekommen wir das auch – und sind dann glücklich. Oder?

Dazu habe ich mal kleine Geschichte gehört, und die geht so:

Eines Tages erlangte eine Frau die Erleuchtung. Von da an entschied sie sich für ein einfaches Leben. Denn sie sehnte sich schon lange nach Ruhe und der Natur. So ließ sie ihr Dorf hinter sich und zog in eine kleine Hütte im Wald, mit Kerzen statt Strom, mit Vogelgezwitscher satt menschlichem und technischem Lärm, und bestimmt auch mit einer Campingtoilette.

Junge Mönche aus dem Dorf hörten von der Meisterin. Sie beobachteten sie. Befragten sie. Und eiferten ihr nach. Nach und nach bewohnten sie alle kleine Hütten im Wald.

Als wieder mal eine Gruppe von Mönchen an ihre Tür klopften, kam die Meisterin raus, lächelte und sagte: „Was nützt es euch, mein Verhalten nachzuahmen, ohne euch die Motivation und die Idee dahinter zueigen zu machen?“

Die Mönche schauten verwirrt.

Da fügte sie hinzu: „Glaubt ihr denn, dass eine Ziege ein Rabbi wird, nur weil sie wie er einen Bart trägt?“

Es bringt leider nichts, wenn wir andere nachahmen. Zu unterschiedlich sind unsere Voraussetzungen, Fähigkeiten und Bedürfnisse, unsere Ideen und Motive. Trotzdem erscheint mir das manchmal noch immer einfacher, als mühsam meinen eigenen Weg zu finden und zu gehen. Dann versuche ich’s mit Imitation, gegen besseres Wissen und immer mit demselben Ergebnis: Ich komme kein Stück weiter. Zeit vertan, Kräfte verschenkt, Frust und Tränen heraufbeschworen.

Schlimmer noch:

„Nachahmung ist Selbstmord“, hat Ralph Waldo Emerson gesagt.

Weil wir uns auf dem Weg eines Anderen nicht nur verlaufen, sondern selbst verlieren. Mit jedem Meter und jedem Tag ein bisschen mehr zu Geistern werden, zu Hüllen, in denen das Herz weniger und weniger schlägt.

Das Gute ist: Wir können jederzeit anhalten und umkehren, zurück auf unseren Pfad. Und den Kompass danach ausrichten, was sich für uns richtig und passend anfühlt.


Dieser Artikel erschien zuerst auf myMonk.de.

Veröffentlicht in Welt

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