Dada ist Auflehnung gegen das Establishment und nicht vor den Mächtigen auf die Knie zu gehen

Offener Brief an Adrian Notz, Leiter des Cabaret Voltaire

Sehr geehrter Herr Notz

Es besteht allen Grund zu feiern, wie selten zuvor. Der Dadaismus hat Geburtstag. Vor 100 Jahren wurde eine Kunstform geschaffen, die das Establishment verspottete und das Individuum preiste. In Zürich trafen sich dazumal junge Künstler und Literaten, die sich gegen den Ersten Weltkrieg und das System auflehnten, in einem kleinen Raum im Obergeschoss einer Wirtschaft in der Spiegelgasse 1. Daraus ging eine Bewegung hervor, die antisozial, antireligiös und antikünstlerisch war.

Doch, Herr Notz, was haben Sie, und Ihre Vorgänger, aus diesem Erbe gemacht. Sie sollten sich schämen. Der heutige Dadaismus hofiert und bettelt nur noch.

Ihr Vorgänger provozierte. Darum musste er wohl auch gehen. Denn wenn man von Subventionen abhängig ist, muss man sich anpassen. Mit den Geldgebern will man es sich ja nicht verspielen. Das Cabaret Voltaire ist zum blossen Verwalter seiner Vergangenheit verkommen. Finanziert von der Sozialdemokratie, von jenen machtgierigen, die die Gründer einst ablehnten und aufs Korn nahmen.

Ein zahnloser und zahmer Dadaismus ist nicht förderungswürdig. Schon gar nicht mit Geld, welches der Bevölkerung genommen wurde. Dass das Parlament der Zwinglistadt dies nicht erkennt, ist ausnahmsweise nicht Ihre Schuld.

Statt gegen die Hierarchie zu protestieren, laden Sie die politische Klasse nach Zürich ein. Und Sie lassen sie hier ihre Propaganda verkünden. Sie haben dem Bundesrat Alain Berset eine Plattform geboten. War es nicht auch die Schweizer Regierung, die im Vorfeld des Syrienkrieges mitgemischelt hat? Ein Krieg, der eine unsägliche Flüchtlingskatastrophe verursachte. Gäbe es im Dadaismus eine Regel, hätten Sie ganz sicher dagegen verstossen.

Dennoch: Dada braucht es um alles in der Welt. Eine Kunstform, die ausnahmslos alle Mächtigen kritisiert und provoziert wäre vor allem zu jetzigen Zeitpunkt enorm wichtig. Bitte retten Sie, was noch zu retten ist.

Freundliche Grüsse

Lucien Looser

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