Lieber Herr Baader, lieber Herr Dr. House …

Von Susanne Kablitz

… leider werde ich Sie beide niemals persönlich kennenlernen. Sie, verehrter Herr Roland Baader nicht, weil Sie leider viel zu früh verstorben sind und Sie, lieber Herr Dr. Gregory House deshalb nicht, weil Sie in der Realität nicht existieren.

Ihnen beiden, ob nun real oder nur fiktiv, haftet eine ganz besondere Eigenschaft an, die sich zu meinem Leidwesen nur noch in verschlossenen Wohnzimmern oder in vertrautester Umgebung zeigen darf, nämlich der Mut, die Wahrheit klar und deutlich auszusprechen und dies vor allem in der absoluten Gewissheit, dass Sie sich mit dieser Vorgehensweise recht wenig Freunde machen.

Die, die mich kennen wissen, dass Sie – Herr Baader – es waren, der mich aus dem „Tal der Tränen“ geholt hat und das zu einer Zeit als ich glaubte im falschen Leben gelandet zu sein. Einem Leben voll von den Utopien einer Wohlstandsgesellschaft, die sich einbildet, sie könnte seelenruhig die Errungenschaften der Vergangenheit verpulvern und sich mit auf Schulden basierten “Falschgeld” in den Reichtum konsumieren. In einer Welt, wo Begriffe und Beschreibungen verdreht und verbogen werden, wo es nur nach darum geht, politisch korrekt zu sein und ganz einfache ökonomische Gesetze komplett auf den Kopf gestellt werden.

Wo es unfassbar viele Menschen gibt, die es angenehmer finden, vom Wohlwollen des Staates abhängig zu sein als sich auf sich selbst zu verlassen. In einer Welt, wo es von ökonomischen Ignoranten wimmelt, die nicht begreifen (wollen), dass die mit Recht beklagten Schweinereien der Banken nur deshalb möglich sind, weil von staatlicher Seite Zentralbanken geschaffen wurden, die als „Retter in der Not“ inzwischen jedes Fehlverhalten belohnen und dass wir deshalb keine Krise des Kapitalismus sondern eine Krise des Interventionismus, eine des Etatismus haben.

Konfuzius hat bereits vor gut zweieinhalb Tausend Jahren gesagt: „ Wenn die Wörter ihre Bedeutung verlieren, verlieren die Völker ihre Freiheit.“ Und auch Nietzsche war sich mit George Orwell einig: „Der wirkliche Machthaber der Zukunft wird der sein, der neue Sprachregeln durchsetzen kann.“

Mir kam der Gedanke, wie unsere Welt wohl aussehen würde, wenn Sie, Dr. House und Sie, Herr Baader politischen Einfluss hätten. Zum Beispiel, wenn es um den allseits gescholtenen „Kapitalismus“ geht, der nach Meinung vieler Zeitgenossen unbedingt nun endlich auf dem Müllhaufen der Menschheitsgeschichte zu landen habe. DAS wäre ein Fest!

Hier möchte ich Sie, Herr Baader, zitieren, denn noch treffgenauer kann man es nicht formulieren:

“Stellen wir einmal Deutschland vor diesen Hintergrund und betrachten es „mit kapitalistischen Augen“. Wir erkennen ein Land mit einem staatlichen (sprich: sozialistischen) Rentensystem, mit einem staatlichen Gesundheitssystem, einem staatlichen Bildungswesen, mit staatlich und gewerkschaftlich gefesselten Arbeitsmärkten, einem konfiskatorischen Steuersystem, einer Staatsquote am Sozialprodukt von 50 %, mit einem erheblich regulierten Agrarsektor und einer in ein kompliziertes Geflecht zwischen Markt und Staat eingebundenen Energiewirtschaft, mit mindestens Hunderttausend Betrieben in „kommunalem Eigentum“ (= Camouflage-Wort für Verstaatlichung) und einem staatlichen Papiergeldmonopol, ja sogar mit einem Staatsfernsehen samt Zwangsgebühren.

Wir erkennen ein Land, in dem fast 40 % der Bevölkerung ganz oder überwiegend von Staatsleistungen lebt und in welchem das gesamte Leben der Bürger von staatlichen Regelungen überwuchert ist. Wer diesen 80%-Sozialismus als Kapitalismus bezeichnet, muß mit ideologischer Blindheit geschlagen sein. Und wer gar von Turbo- oder Raubtierkapitalismus redet, den muß der Verstand ganz verlassen haben (oder die panische Angst vor dem Machtverlust zu verbalen Veitstänzen getrieben haben).

Wir haben es also bei dem, was hierzulande (und auch in anderen Ländern) als Kapitalismus bezeichnet wird, in Wirklichkeit mit einem staatsverkrüppelten Rumpfkapitalismus und mit einem vom Sozialismus durchseuchten Schein-Kapitalismus zu tun. Walter Eucken, der Vater des (echten) Neoliberalismus, hat schon in den 50er Jahren von einem „staatlich versumpftem Kapitalismus“ gesprochen und die permanente Gleichsetzung dieser Karikatur mit „dem Kapitalismus“ als die wirksamste Waffe der Antikapitalisten ausgemacht.

Man sollte das deutsche Modell also realistischer als Sozialismus mit kapitalistischem Hilfsmotor bezeichnen. Erstaunlicherweise vollbringt dieser Hilfsmotor seit mindestens sechzig Jahren das Kunststück, den sozialistischen Schrottkarren voranzutreiben. Erst jetzt scheint ihm vom Übergewicht des maroden Gefährts allmählich die Puste auszugehen.“ (…) „Das Wachstum des Wohlfahrtsstaates wird mit der Anhäufung öffentlicher Schulden bezahlt. Diese Verschuldung hat Ausmaße angenommen, wie sie ohne fiat-money-Inflation undenkbar wäre.“ (Roland Baader, Das Kapital am Pranger, 2005)

Und was würden Sie, Dr. House, wohl zu Dingen sagen, die Ihnen als „geistiger Dünnschiss“ vor Ihr loses Mundwerk gelegt würde? Es wäre wohl ganz sicher von Ihnen zu erwarten, dass Sie Ihrer Meinung in Ihrer ganzen zynischen Ausprägung offen und unverhohlen Ausdruck verleihen würden. Keine Rücksicht auf politische Korrektheit, keine Rücksicht auf zu erwartende Empörungswellen, erst recht keine Angst vor negativen Konsequenzen sondern absolut frei und unabhängig.

Nie haben Sie Wert darauf gelegt, freundlich zu sein, nie haben Sie Wert darauf gelegt, dass auch nur irgendjemand Sie hofiert. Das einzige, worauf Sie Wert gelegt haben war, ein brillanter Diagnostiker und damit eine wirkliche, echte Hilfe zu sein.

Kein unnützes, überflüssiges Geschwafel, kein „Herumgeschleime“ in der Hoffnung, ein besser bezahltes Pöstchen in der Hierarchie zu ergattern, kein sinnloses (weil nur gut klingendes) Geplapper, keine Kompromisse, wenn es darum ging, dass Sie beiden von Ihrer Position (nach gründlicher Überlegung und Recherche) überzeugt waren. Was für eine Wohltat, welch ein Vergnügen!

Nun mag es in der Tat utopisch anmuten, mit der Wahrheit die Menschen „gewinnen“ zu wollen – schließlich sieht die Wahrheit nur selten besonders hübsch aus. Und trotzdem wäre sie erfrischend und belebend. Stattdessen habe ich zunehmend das sichere Gefühl in einem Hubba-Bubba-Zustand der politischen Gesellschaftsklempnerei zu leben. Ein Zustand, der jedes menschliche Bedürfnis nach Besonderheit und Einzigartigkeit und damit auch die sozialen und finanziellen Unterschiede vollständig ausrotten will. Eine Gesellschaft, die nur noch einen Gott anzubeten hat – den Staat!

Es ist nicht das Anliegen der politischen Akteure, den Menschen zu helfen, die es nötig haben – ihr Anliegen ist, zum einen diese Menschen in ihrem unangenehmen Zustand dauerhaft verharren zu lassen und zum anderen den Kreis durch diejenigen stetig zu vergrößern, die noch auf eigenen Beinen stehen.

„Wohltaten“ von Papa Staat gegen Aufgabe von Eigenverantwortung und Freiheit, ist doch ein gutes Geschäft, oder? Nun gut, die „Wohltaten“ müssen wir zwar vorher selber bezahlen und sie fallen zudem immer deutlich kleiner aus als das, was man uns zuvor abgenommen hat, aber trotzdem finden wir diese doppelte Ausbeutung „total gerecht!“

Ich weiß, lieber Herr Baader, lieber Herr House, Ihnen würde hier trotz der Illusionslosigkeit über die gnadenlose „Idiotie“ unserer Volksvertreter der Mund zumindest für einen Augenblick vor Fassungslosigkeit der Mund offen stehen – um dann – jeder auf seine ganz eigene Weise – ihrem Unmut „Ausdruck zu verleihen“. Und ich? Ich würde nur allzu gern dabei sein und Ihnen meine Hochachtung erweisen.

Unterstützen Sie die Zürcherin

Werden Sie Abonnent/in. Mit Ihrem Beitrag unterstützen Sie die aktuelle Berichterstattung: Somit sind Sie entscheidend an der Qualität der Artikel beteiligt und fördern die kurzen Erscheinungsabstände.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Zur Werkzeugleiste springen